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Sonntag, November 07, 2004

Von der Altstadt nach Vysehrad

Die Sirenen der Polizei- und Krankenfahrzeuge, die man im Carlo IV nachts permanent durch die Prager Innenstadt heulen hörte, hatten fast schon etwas New-York-mäßiges. Ein breites Bett ohne Ritze in der Mitte ist eine ganz feine Sache, eine große Decke dazu steigert noch die Behaglichkeit. Wenn allerdings beide Personen, die in diesem Bett schlafen, die Angewohnheit haben, sich im Laufe der Nacht Richtung Bettkante zu drehen (und zwar der eine nach rechts, der andere nach links), spannt irgendwann die Decke in der Mitte und dann zieht's am Rücken.

Nichtsdestotrotz hatte ich wie ein Stein geschlafen und war am nächsten Morgen nicht gewillt, freiwillig dieses herrlich bequeme Bett so ohne weiteres wieder zu verlassen. Daher brauchte ich in der Tat mehrere Stunden, um mich anzuziehen und unsere Sachen einzupacken, was allerdings auch damit zusammenhing, daß man in einer 50 qm großen Suite einfach viel zu viel Platz hat, um all seinen Krempel ordentlich auf die gesamte Fläche zu verteilen. So war ich dann gerade noch rechtzeitig kurz vor 12.00 Uhr fertig zum Auschecken.

Daniel hatte an diesem Tag noch eine Tagung, daher machte ich mich mit Reiseführer und Proviant alleine auf den Weg in die Prager Altstadt, anfangs wohl noch ein wenig übervorsichtig, man hatte ja viel Schlimmes gehört von Taschendieben, die so fix sind, daß sie einem das Geld aus dem Portemonnaie stehlen, bevor man es überhaupt geöffnet hat. Schon bald stellte ich allerdings fest, daß das Einhalten weniger Grundregeln durchaus ausreicht, ansonsten schien mir Prag nicht gefährlicher als Köln. Anders sieht es wohl beim Autoklau aus. Lt. Reiseführer werden nicht täglich, sondern stündlich Autos gestohlen, vor allem teure Fahrzeuge mit ausländischem Kennzeichen. Einem Tagungsteilnehmer, der mit seinem Audi Cabrio vor dem Hotel parkte, wurde auch prompt nachts die Autotüre aufgebrochen.

Altstädter Ring mit Rathaus

So zog ich also durch die kleinen Straßen der Prager Altstadt, bewunderte die wunderschönen Fassaden der Häuser und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Obwohl mir vor meiner Reise schon mehrmals erzählt wurde, Prag sei eine schöne Stadt, war diese Pracht und Schönheit dennoch unvorstellbar und überwältigend. Vom Gemeindehaus mit dem Pulverturm zog ich durch die verwinkelten Gassen zum Altstädter Ring (der auf tschechisch auch ganz anders heißt) mit Rathaus, Hus-Denkmal, der imposanten Teinkirche, die sämtliche Gebäude auf dem Platz bei weitem überragt sowie das Haus zur Steinernen Glocke mit der kleinen Kafkabuchhandlung davor.

Haus zur Steinernen Glocke

Wie der eine oder andere wahrscheinlich weiß, lebte und schrieb Franz Kafka (1883 - 1924) in Prag. Wie wir im Reiseführer lesen konnten, ist er innerhalb Prags sehr oft umgezogen, so daß es heute einige Häuser gibt, die zu Sehenswürdigkeiten deklariert wurden, da Kafka darin irgendeins seiner Bücher geschrieben hat. Mittlerweile werden schon Stadtführungen angeboten, die nur sämtliche Wohnungen Kafkas im Programm haben und damit die Touristen stundenlang beschäftigen können. Aber Kafkas Geburtshaus am Franz-Kafka-Platz haben wir natürlich auch gesehen.

Teinkirche

Viele der hübschen, kleinen Seitengassen sind auf den ersten Blick gar nicht als solche erkennbar, da sie von vorne eher wie eine Einfahrt oder ein Weg zu einem privaten Innenhof aussehen. Ein Blick hinein lohnt sich auf jeden Fall, gerade wenn diese wie im Fall der Melantrichova von einer sehr belebten in verwinkelte, ruhigere Seitenstraßen führen, die nicht alle der zahlreichen Touristen gleich entdecken. Apropos Touristen, die gibt es in Prag zuhauf. Mir persönlich würden in der Regel genau zwei Touristen ausreichen, nämlich Daniel und ich, aber mich fragt ja keiner und vermutlich hätte der Tourismus als Wirtschaftszweig keine große Zukunft mehr.

Nach Tagungsende traf ich mich mit Daniel im Hotel, wir holten unser Gepäck und machten uns im Privattaxi zu unserem zweiten Hotel in der Nähe des Kongreßzentrums in Vysehrad, leider nicht ganz so prächtig und auch von der Lage her nicht mehr ganz so günstig, aber vier Tage im Carlo IV wären leider finanziell nicht darstellbar gewesen und nach unserer kleinen Buchungspanne hatten wir kurzfristig kein schnuckeliges Hotel mehr in der Innenstadt gefunden. Aber auch das Holiday Inn ließ es an Komfort nicht mangeln, daher will ich mich nicht beklagen.

Ein leckeres Abendessen gab es abends im Hospoda U nováka (V jirchárích 2, Tel.: 224930639, Haltestelle Národní trída), einem kleinen, eher rustikal eingerichteten Restaurant mit guter böhmischer Küche zu attraktiven Preisen, das fast nur von Einheimischen aufgesucht wird. Zum Glück gab es aber trotzdem eine englische Speisekarte :-)

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